Würde und Identität – 2025

Würde und Identität: Müllsammler:innen von Phnom Penh

In Phnom Penh, der pulsierenden Hauptstadt Kambodschas, existiert im Schatten des wirtschaftlichen Wachstums eine andere Realität. Im Bezirk Dangkor erstreckt sich auf 31 Hektar eine Mülldeponie, auf der Hunderte Menschen täglich nach verwertbaren Materialien suchen. Mit blossen Händen und einfachen Werkzeugen durchsuchen sie den Abfall der Stadt nach Plastik, Metall und Glas, die sie für wenige kambodschanische Riel verkaufen können.

Rund 80 Prozent der über 3’000 Tonnen Müll, die Phnom Penh täglich produziert, landen auf der Deponie Dangkor. Müllwagen liefern den Abfall an, Bulldozer verteilen ihn auf den wachsenden Hügeln. Die sogenannten «Picker» sortieren die Wertstoffe meist direkt vor Ort. Ihre Werkzeuge, scharfe Metallhaken, werden im Dorf am Rand der Deponie gefertigt. Die gesammelten Materialien werden in grossen, aus alten Düngersäcken genähten Säcken abends zu Händlerinnen gebracht, gewogen und bar bezahlt.

Erfahrene Picker verdienen zwischen 8 und 10 US-Dollar pro Tag – oft zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Die meisten von ihnen gehören zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen des Landes. Viele sind Migrant:innen aus ländlichen Regionen, ohne Bildung oder soziale Absicherung. Auch Kinder arbeiten auf der Deponie. Oft statt zur Schule zu gehen oder zusätzlich nach dem Unterricht.

Am Rand der Deponie lebt eine Gemeinschaft von rund 400 Menschen in einfachen Hütten, ohne Zugang zu Wasser, Strom oder sanitären Einrichtungen. Die Arbeit unter der prallen Sonne ist extrem gefährlich: Giftige Dämpfe, Chemikalien und scharfkantige Gegenstände führen häufig zu Verletzungen, Atemwegs- und Hauterkrankungen.

Trotz dieser Bedingungen sind die Picker stolze Menschen. Sie schätzen ihre Arbeit, weil sie ihnen ein Mindestmass an Selbstständigkeit ermöglicht. In der Gesellschaft jedoch bleiben sie stigmatisiert und kaum anerkannt.

Persönliche Bemerkung

Im Februar 2025 verbrachte ich gemeinsam mit meinem Team einen Monat auf der Deponie von Dangkor. Bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius, begleitet von unerträglichem Gestank und giftigen Dämpfen, arbeiteten wir Tag für Tag inmitten dieser extremen Bedingungen.

Am meisten jedoch belastete uns das Gefühl, nicht wirklich helfen zu können – bei Unfällen, bei Geldsorgen, bei Liebeskummer, beim allgegenwärtigen Mangel an nahezu allem, was man sich vorstellen kann.

Trotz der für uns kaum vorstellbaren Lebensumstände in der Siedlung neben der Deponie wurden wir und unsere Arbeit mit Respekt aufgenommen und unterstützt. Dafür möchte ich an dieser Stelle meinen tiefen Dank aussprechen – an diese aussergewöhnlichen Menschen, deren Würde und Stärke mich nachhaltig beeindruckt haben.


Weiterführende Lektüre:
A Valuable Life. Seeing transformative practice among Phnom Penh’s waste pickers
von Cindy Marie Dupouy Bryson
PDF Teil 1
PDF Teil 2

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